12. März 2007
woanders: ...

"Hi, D., ich steh auf der Gästeliste..."
"Wie is dein Name nochma?"
"D..."
"Ah, ja, hier... D. plus eins!" Und schaut suchend über meine Schulter.
"Nein, ohne eins..."
"Oh, tut mir leid." Und streicht mir kurz über die Hand, bevor sie den Stempel draufdrückt.

22. Februar 2007
berlin: ...

Neuschwanstein

"I don't want to have to do this living. I just walk around. I want to be swept off my feet, you know? I want my children to have magical powers. I am prepared for amazing things to happen. I can handle it."

20. Februar 2007
take-home-message: ...

"Journalismus ist weder Beruf noch Handwerk. Er ist nichts als ein billiges Asyl für Arschlöcher und Mißratene - eine blinde Gasse zur Kehrseite des Lebens, ein dreckiges, nach Pisse stinkendes kleines Loch, auf Anordnung eines Bauamt-Inspektors zugenagelt, aber gerade noch groß genug für einen Wermutbruder, sich in einer Nische am Gehsteig zu verkriechen und sich einen runterzuholen wie ein Schimpanse im Zoo-Käfig."
Fear and Loathing

17. Februar 2007
berlin: Die dunkle Seite der Diskokugel

Man sieht sie nicht, aber die Dunkle Materie ist es, die das Weltall zusammenhält.
"Na, was überlegst du?" schreit meine Begleiterin.
Als Antwort zucke ich die Schultern, schüttle den Kopf und hebe die Bierflasche.

Die Diskokugel schickt ihre Reflexe durch den Nebel aus Zigarettenrauch, Männerschweiß und Niveadeo. Die Veranstaltung ist einschlägig beleumundet. Die einzigen mit Stil sind die DJs und ihre Freundinnen, der Rest besteht aus purer Verzweiflung.
Deshalb sind wir hier.

"Ich habe mal eine Doku über Erdmännchen gesehen, die stampfen rhythmisch auf den Boden und locken damit über Kilometer willige Partner an", schreit meine Begleiterin.

Die junge Frau auf der Tanzfläche hat einen stolzen Blick, trägt einen silberweißen Kunstfaserpullunder und ein Rotweinglas - und steppt, dass der Boden bebt.

"Ganz schlimm sind diese Giraffentypen, die sich da hinter der Säule verstecken, aber einen langen Hals machen und mir auf die Titten stieren", schreit meine Begleiterin. Ich nicke abwesend und betrachte weiter die anwesenden Frauen.

Mir fällt ein, was ich im Internet über das Lek-Paradoxon gelesen habe.

Der Kollege, der uns begleitet, hat seit einer Stunde kein Wort mehr gesagt.

Das DJ-Gespann kommentiert das Geschehen zunächst noch mit ironischen Titeln, gibt aber dann dem Publikum, was es will.

Auf der Tanzfläche umarmen sich drei Typen, schwingen im Takt die Beine in die Luft und versuchen, andere einzugliedern. Ja, ich hab sowas auch mal gemacht. Mit Zigarettensteuermarkenpapier hatten wir unsere Ausweise frisiert, um zum ersten Mal in eine Großstadtdisko zu kommen, den Namen habe ich verdrängt, aber es war das Hamburger Gegenstück zum Kudorf.

"So stelle ich mir Après-Ski vor", schreie ich.
Meine Begleiterin lächelt nachsichtig.

Dem Kollegen wird das alles zu viel. Er wendet sich kopfschüttelnd ab und dem Alkohol zu. Wir hingegen wackeln mit unseren Körpern im Takt der Musik.

Die Tanzkette löst sich abrupt auf, die Glut einer Kippe hat den Unterarm einer der Spasskanonen versengt. Die Vorstellung, die Zigarettenbesitzerin könnte es mit Absicht getan haben, reicht aus, um mich sofort in sie zu verlieben.

"Hey, wer gefällt dir", schreit meine Begleiterin, und kommentiert dann: "Zu jung, nee, wahnsinniger Blick, nein, die hat hennarote Haare."

Ja, ist mir auch aufgefallen, aber es ist Kastanie.
"Du musst sie überraschen", schreit meine Begleiterin.

Doch ein Typ mit deutlich dunklerem Bartschatten kommt mir zuvor. Und er beherrscht die Spielregeln.

"OK, ich such jemanden aus, der zu dir passt", schreit meine Begleitung. "Die da drüben, die ist frei und willig. Das sehe ich!"

Ja, das sehe ich auch. Außerdem ist doppelt so alt wie ich und sieht so aus, wie ich mir eine Kulturredakteurin vom Freitag vorstelle.

Das Alpha-Männchen und das Henna-Weibchen schreien sich mittlerweile regelmäßig ins Ohr. Sie lächelt, manchmal schließt sie die Augen, und wenn sie lacht, legt sie ihre Hand auf die Brust.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Am Ausgang lasse ich mir noch einen Stempel geben, damit die Kollegen am Band morgen denken, ich hätte ein Leben. Mit hochgeschlagenem Kragen höre ich zu, wie die Stille in meinen Ohren rauscht.

Meine Cousine hat mir versprochen, mich mit auf eine Ü-30-Party zu nehmen, wenn ich sie in ihrer süddeutschen Kleinstadt besuche. Ich bin vorbereitet.

10. Februar 2007
denkblase: Am Fließband

Es wird einsam am Fließband.
Die Reihen lichten sich.
Die ersten Roboter stehen am Band. Sie wissen nicht, was sie tun, und das merkt man ihren Zwergen auch an. Sie müssen stets beaufsichtigt werden.
Als Spezialist bin ich als einer der Letzten übrig. Und damit einer der Nächsten, der gehen wird. Traurig bin ich darüber nicht.
Die Kollegen von den frivolen Zwergen machen keine Witze mehr. Stattdessen modellieren sie unnatürlich große Geschlechtsmerkmale und freuen sich, wenn die Zwerge von der Endkontrolle unbemerkt ausgeliefert werden.
Der Chef sagt, wir müssen mehr Qualität produzieren, wie die Leute in den Gartenzwergmanufakturen.
Wie das mit weniger Kollegen am Band gehen soll, erklärt er uns nicht.
Dafür sagt er, dass er unser Denken ändern muss.
Dass er in unseren Köpfen etwas aufbrechen muss.
Aber ich möchte nicht, dass er in meinem Kopf etwas aufbricht.
(Wenn, dann mache ich das selber.)

2. Februar 2007
fremde Welt: ...

Er streicht ihr ganz sanft, ganz langsam, ganz hingebungsvoll über den Hinterkopf.
Wie manche Jungs ihre schmollende Freundin berühren.
Sie sieht ihn nicht an, ihr gletschereisbonbonblauer Blick ist in die Ferne gerichtet.
Wie der Blick von schmollenden Frauen, die sich ihrer Macht und ihrer Rolle sicher sind.
Sie zuckt nicht einmal mit den Ohren.
Es irritiert mich, wie dieser Typ seine Huskyhündin streichelt.

26. Januar 2007
denkblase: Die Stille nach dem Fliessband

Nein, nicht der Mond.

Workoholic werd ich nie, habe ich immer wieder und voller Überzeugung behauptet.
Doch nach den ersten Tagen am Fließband der Plastikzwergfabrik bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Es ist keine Gartenzwergmanufaktur. Wir produzieren keine Gartenzwerge, die man sich zu Repräsentationszwecken ins Regal stellen könnte. Nein, es sind kleine billige Plastikzwerge für den täglichen Bedarf. Niemand braucht wirklich Plastikzwerge, schon gar nicht unsere, aber viele erfreuen sich kurz an ihrem Anblick. Ich verstehe nicht warum, aber es wird wohl so sein.
Die Rohzwerge beziehen wir vom Marktführer, aber das sollen unsere Kunden nicht merken. Meine Arbeit könnte auch ein Roboter erledigen, doch solche Maschinen wären Spezialanfertigungen, in der Herstellung sehr teuer, viel teurer, als ich es bin. Bei meiner Arbeit geht es darum, den billigen Industriezwergen den Anschein von Individualität zu geben. Dazu biege ich bei jedem Exemplar die Arme und Beine etwas anders zurecht, ziehe die Zipfelmütze lang oder die Ohren. Manchmal male ich einzelnen Zwergen sogar eine rote Nase oder Sommersprossen, doch das kostet Zeit. Dafür muss ich abends dann etwas länger bleiben, um mein Plansoll zu erfüllen.
Das Gerede der Vorarbeiter, dass es bald den Zwerg 2.0 geben könnte, mit beweglichen Gelenken, den sich die Kunden dann selbst zurechtbiegen können, und der unser aller Untergang wäre, nehme ich nicht ernst.
Die Arbeit ist stressig, die Vorarbeiter machen Druck, aber nach einiger Zeit am Band geht es mir gut. Ich fühle mich gebraucht, ich habe keine Zeit zum Grübeln. Immerhin habe ich eine solide handwerkliche Ausbildung, und jetzt kann ich meine Fähigkeiten beweisen.
Die Kollegen sind nett. Die vom Nachbarband (frivole Zwerge) mag ich am liebsten, denn ihre Witze sind böse. Ich kann sie verstehen.
Während ich dem letzten Zwerg des Tages mit besonderer Sorgfalt Sommersprossen auftupfe, zähle ich in Gedanken das Geld, das ich am Tage verdient habe. Dann gehe ich den dunklen Weg zur S-Bahn und lege der Akkordeonspielerin schüchtern eine Münze in den Koffer. Die Töne erinnern mich an etwas, doch an was genau, fällt mir nicht ein.
Ich fühle mich leer. Ich fühle mich gut.
Und das macht mir Angst.

9. Januar 2007
lesen: Denis Johnson - Jesus` Sohn

workoholicwerdichnie

"Tief drinnen war ich ein winselnder Hund. Mehr nicht. Ich suchte Arbeit, weil die Leute zu glauben schienen, ich sollte Arbeit suchen, und als ich einen Job gefunden hatte, hielt ich mich für glücklich, weil dieselben Leute - Drogenberater und Mitglieder von Narcotics Anonymous und so - zu glauben schienen, ein Job wäre eine tolle Sache."

2. Januar 2007
fremde Welt: Frühkindliche Prägung

Die Schranktür knirscht, und zwischen den Rücken von Fotoalben und Sehnsucht-nach-Afrika-Taschenbüchern steht eine Ringbindung hervor, die mir sehr vertraut vorkommt.
Bei jedem Besuch habe ich danach gesucht, es aber nie gefunden. Die alte Buchhändlerin wusste gleich, welches Buch ich meine. Doch die letzte Auflage ist längst vergriffen, eine neue nicht geplant. Bei Ebay unauffindbar, über das ZVAB unerschwinglich. Also bei jedem Elternbesuch der Blick in Kellerschränke. Und jetzt entdecke ich es an einem Platz, an dem es mir sofort hätte auffallen müssen.
Nein, es geht nicht um Nostalgie. Ich habe weder Janosch im Regal noch Traumfänger an der Lampe, und Den Kleinen Prinzen (tm) habe ich nie gelesen. Ich erinnere mich nur noch vage an das Kinderbuch, ich konnte noch nicht lesen, ich weiss aber genau, wie sehr das Buch mich beeindruckt hat. Und jetzt will ich wissen, warum.
Die Seiten biggn a bisserl zama und riechen tun sie wie das ungeheizte Gästegiebelzimmer, die kalten Deckenberge, die Waschküche im Keller, die dicken Teppiche, mit Kaktusstacheln gespickt, der träge fließende Fluss hinter dem Haus.
Ich dachte damals, es müsse dort Berge geben, aber es waren allenfalls Hügel. Backsteintürme gab es immerhin und sogar eine Burg, die erkenne ich jetzt auf den Seiten des Buchs wieder.
Dort lebt der reiche Prinz, und er heiratet die schöne Prinzessin aus dem fernen Polenlande. Es gibt ein großes Fest mit Turnierkämpfen und Ringelstechen, von dem landauf und landab und noch lange Zeit gesprochen wird.
Doch nach vielen Jahren, es ist Herbst, die Zugvögel scharen sich zusammen und das Tal liegt im Nebel, da hört die Prinzessin eine Laute. Sie öffnet das Turmfenster, blickt hinaus und erkennt den Lautenspieler vom Hofe ihres Vaters wieder, der ihr das Lautenspielen beibrachte und der den Blick nicht von ihr lassen konnte, und er steht unter ihrem Fenster und spielt und singt:
„Du von allen hast mir gefallen.“
Wenn das mein Therapeut erfährt.

duvonallenhastmirgefallen

30. Dezember 2006
fremde Welt: Angst vor Verstrunkung

Wir drängen uns in den Gang des überfüllten Eurocities, sehr geehrte Fahrgäste, der Zug verkehrt heute ohne Wagen 268. Klar, so direkt nach den Feiertagen, da kann man schon mal einen Waggon vergessen.
Du stehst dicht neben mir, notgedrungen, notgedrängt, mit deinem Fischgrätmantel und dem Karton unter dem Arm. Wir kommen unverfänglich ins Gespräch, ich kenne das Buch, das du liest. Dauernd will jemand zum Klo, vor dem wir stehen, lesen ist so zu mühsam, und so unterhalten wir uns. Du musst am Hauptbahnhof raus, eine Station vor mir. "Hey, verrat mir mal deine Adresse", sage ich, als du aussteigst, du schaust irritiert, "dann kann ich dir deinen Karton vorbeibringen." Der steht nämlich noch in der Mitte des Ganges. Du lachst, bedankst dich und schreibst mir tatsächlich noch deine Nummer auf die Hand, genau wie Marla.
So stelle ich mir das vor.
Aber während wir unser Gepäck und uns wie Tetrisklötze arrangieren, ja, genau, der Kinderwagen ist prima, um die Reihe zu beenden, stehst du plötzlich auf der anderen Seite und neben mir dieser junge Polizist, der abwechselnd Doom auf seinem Handy spielt und dann wieder in einer mysteriösen technischen Zeitschrift blättert, vielfarbige Kurven auf Hochglanzpapier und Abbildungen türkisfarbener Roboter, die Glasgefäße an ihren vielgelenkigen Armen tragen, vermutlich zur Niederschlagsbestimmung auf der Venus. Mit dem Klo im Waggon gegenüber scheint es Probleme zu geben. Die ersten vier Frauen, die das WC betreten, verlassen es gleich wieder rückwärts und mit erhobenen Händen, als hätte sie jemand mit einer Waffe bedroht. Erst die Fünfte hat offenbar ein richtig dringendes Bedürfnis. Sie bleibt für Stunden die Einzige, alle anderen schieben sich an mir vorbei auf das andere WC und drängen mich immer weiter in die Ecke, weg von dir. Und du? Schenkst mir nicht einen einzigen Blick. Ich kann den Titel deines Buches lesen. Mir fallen schlaue Bemerkungen ein, aber du übersiehst mich. Und tauschst stattdessen Blicke mit diesem Bullen in seiner blauen Colani-Uniform, der nicht mal in der Lage war, der alten Frau mit dem Schalenkoffer unaufgefordert zu helfen.
Schließlich Hauptbahnhof, du schiebst dich an mir vorbei, ohne mich anzusehen. Die Türen schließen selbsttätig, der Zug rollt an und an dir vorbei, ich sehe dich ein letztes Mal, und dann hebe ich meine Tasche von deinem Karton, der noch immer im Gang steht. Tja, Schlampe, wär besser für dich gewesen, du hättest mich beachtet.

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