"Rated R for monster violence, and for language."
"Nichts stiftet so tiefe Freundschaften wie gemeinsames Kotzen."
Sylvia Plath, Die Glasglocke

Screenshot Citibank-Geldautomat
"Ich liebe dich, wie du noch nie zuvor jemanden geliebt hast!"
"Ich kenne nicht viele Leute, die Karriere gemacht haben. Das klingt so bedeutend. Karriere machen. Haben Sie immer eine Flasche Wodka im Tiefkühlfach?"
"Allerdings."
Die Nacht ist kalt, die Straße ist leer, die Gaslaternen beleuchten kahle Äste und spiegeln sich auf dem feuchten Kopfsteinpflaster. Vor dem verwaisten Kültürcafe stehen zwei abgewetzte Gestalten. Die eine hält ein Saxofon in den Händen, die andere ein Sternburg-Export und hört aus respektvoller Entfernung zu, staunend, die Ohren der Stalingradmütze hochgeklappt.
Gassigeher, die ihre Tiere für eine späte Runde um den Block führen, nehmen ihre Hunde an die kurze Leine. Wagt es eine Töle, irritiert zu knurren oder gar zu kläffen, gibt es sofort Senge.
Im Haus gegenüber, dem mit dem pockennarbigen Putz, öffnen sich Fenster einen Spalt breit.
Schließlich fordert eine besorgte Mutter die Nachtruhe für ihr Kind ein.
Der Musiker wehrt die Münzen ab, die ihm der Sterni-Trinker zustecken will, packt sein Instrument in den Koffer, schultert seinen Rucksack und verschwindet um die Ecke.
Von irgendwoher kommt spärlicher Applaus.
Dann schließen sich die Fenster und flackern kurz darauf wieder bläulich wie jede Nacht.
Gemeinsam stehen sie am Waschbecken und schrubben die Fingernägel. Der Chef stellt die Eieruhr, dann verreiben sie den blauen Alkohol auf Händen und Unterarmen.
"Junge", so spricht der Chef jeden seiner OP-Helfer an.
Der Chef hat Unterarme wie ein Pferdeschlachter, einen Bart wie ein polnischer Gewerkschaftsführer und braune tote Augen. Er hat in seiner Karriere drei chirurgische Verfahren entwickelt, die seinen Namen tragen. Eins davon ist genial einfach, er war der erste, der es wagte. Vorschulkinder hätten auf die Idee kommen können.
Nun sieht er zu, wie seine Klinik den Bach runtergeht. Die letzten Jahre bis zur Rente verbringt er damit, im Akkord geriatrischen Patienten neue Hüftgelenke einzusetzten.
"Junge, ich beneide euch nicht", sagt er. Dann schrillt die Uhr, und sie gehen in den Saal.
Der Junge benötigt Hilfe mit dem Kittel.
"Könn sie sich immer noch nicht allein anziehen!"
Die Drachenschwester hat Dienst. Die mit dem kalten, blauen Blick aus kajalunterstrichenen Augen. Die jede Gelegenheit nutzt, den Nachwuchs anzufauchen. Gerne auf der persönlichen Ebene.
"Sie stehn hier nur so ungeschickt rum! Sie sind bestimmt Einzelkind!"
Der Junge tut so, als würde es ihn nicht treffen. Um ihr die Genugtuung vorzuenthalten. Das provoziert sie.
Und sie erzählt gerne von sich. Das Anästhesie-Team auf der anderen Seite der Blut-Hirn-Schranke muss die Kaufhausklassik ertragen, die sich die teilnarkotisierten Patienten immer als Beschallung wünschen - der Chef und der Junge die geballte Lebensweisheit der Drachenschwester, die nur von dem Schlürfen des Saugers und knappen Anweisungen unterbrochen wird.
"Junge, hier. Junge, Strom."
Eine Männergeschichte wird gerade abgeschlossen mit der Moral: "Das Gute mit 35 ist ja, dass man weiss, was man will und was nicht."
Der Chef hebt kurz den Blick vom OP-Feld: "Vor allem weiss man mit 35, was man kriegt und was nicht. Langenbeck-Haken. Junge, hier."
Dann ist erstmal Ruhe.
Die Stadt ist klein, sie liegt an keinem ernstzunehmenden Fluß, sie hat viele Maschinenbaustudenten und deshalb Kneipen, die Hobbit oder Hotzenplotz heissen. Am Wochenende fällt die Landbevölkerung zum Shoppen ein, bauchfrei und mit verspiegelten Sonnenbrillen.
Die dort leben, sagen mir, es sei ein Dorf.
Immer wenn ich dort bin, fühle ich mich fast wie zu Hause.
Berlin ist anspruchslos. Berlin verlangt nicht viel von mir. Ich brauche nicht komplett zu sein, Berlin ist es ja auch nicht. Deshalb bin ich gerne hier. Meistens.
Und es gibt Samstage, an denen ich im Café sitze und lese. Eine zeitlang gelingt es mir, die anderen Gäste auszublenden. Doch dann schlägt jemand mit der flachen Hand auf den Tisch, dass der langstielige Löffel im Milchkaffeeglas klappert, und ruft: „Sex now!“
Sein weibliches Gegenüber sieht nach manifester Körperschemastörung aus, hat sich in eine trotzdem noch zu enge Karottenjeans und die Karottenjeans in die Stiefel gequetscht und sieht ihn gebannt an.
„Sex now! Irgendwann muss Schluss sein mit dieser feinziselierten Handlung, dann muss es auch mal zum Punkt...“ Und dann wird seine Stimme wieder leiser, dass sie fast im Grundrauschen untergeht. Alles klar, hier wird das Treatment der neuen Mitte-Soap besprochen, mindestens.
Seine Haare sind sorgfältig zerstrubbelt, er trägt Germanistenbrille und einen Parka mit umpuschelter Kapuze. Vor ihm auf dem Tisch liegt die aktuelle Vogue und darauf ein Päckchen Ernte 23.
In den Augenblicken überkommt mich die Sehnsucht nach der utopischen Kleinstadt. In der nicht zwei Drittel der Bewohner die Energie von umgerechnet drei Atomkraftwerken zur sorgfältigen Selbstinszenierung verschwenden, bis auch der letzte Rest uncooler, unkontrollierter Authentitizät Echtheit ausgemerzt ist. Und in der Ernte 23 nur unironisch geraucht wird.