9. Januar 2007
lesen: Denis Johnson - Jesus` Sohn

workoholicwerdichnie

"Tief drinnen war ich ein winselnder Hund. Mehr nicht. Ich suchte Arbeit, weil die Leute zu glauben schienen, ich sollte Arbeit suchen, und als ich einen Job gefunden hatte, hielt ich mich für glücklich, weil dieselben Leute - Drogenberater und Mitglieder von Narcotics Anonymous und so - zu glauben schienen, ein Job wäre eine tolle Sache."

2. Januar 2007
fremde Welt: Frühkindliche Prägung

Die Schranktür knirscht, und zwischen den Rücken von Fotoalben und Sehnsucht-nach-Afrika-Taschenbüchern steht eine Ringbindung hervor, die mir sehr vertraut vorkommt.
Bei jedem Besuch habe ich danach gesucht, es aber nie gefunden. Die alte Buchhändlerin wusste gleich, welches Buch ich meine. Doch die letzte Auflage ist längst vergriffen, eine neue nicht geplant. Bei Ebay unauffindbar, über das ZVAB unerschwinglich. Also bei jedem Elternbesuch der Blick in Kellerschränke. Und jetzt entdecke ich es an einem Platz, an dem es mir sofort hätte auffallen müssen.
Nein, es geht nicht um Nostalgie. Ich habe weder Janosch im Regal noch Traumfänger an der Lampe, und Den Kleinen Prinzen (tm) habe ich nie gelesen. Ich erinnere mich nur noch vage an das Kinderbuch, ich konnte noch nicht lesen, ich weiss aber genau, wie sehr das Buch mich beeindruckt hat. Und jetzt will ich wissen, warum.
Die Seiten biggn a bisserl zama und riechen tun sie wie das ungeheizte Gästegiebelzimmer, die kalten Deckenberge, die Waschküche im Keller, die dicken Teppiche, mit Kaktusstacheln gespickt, der träge fließende Fluss hinter dem Haus.
Ich dachte damals, es müsse dort Berge geben, aber es waren allenfalls Hügel. Backsteintürme gab es immerhin und sogar eine Burg, die erkenne ich jetzt auf den Seiten des Buchs wieder.
Dort lebt der reiche Prinz, und er heiratet die schöne Prinzessin aus dem fernen Polenlande. Es gibt ein großes Fest mit Turnierkämpfen und Ringelstechen, von dem landauf und landab und noch lange Zeit gesprochen wird.
Doch nach vielen Jahren, es ist Herbst, die Zugvögel scharen sich zusammen und das Tal liegt im Nebel, da hört die Prinzessin eine Laute. Sie öffnet das Turmfenster, blickt hinaus und erkennt den Lautenspieler vom Hofe ihres Vaters wieder, der ihr das Lautenspielen beibrachte und der den Blick nicht von ihr lassen konnte, und er steht unter ihrem Fenster und spielt und singt:
„Du von allen hast mir gefallen.“
Wenn das mein Therapeut erfährt.

duvonallenhastmirgefallen

30. Dezember 2006
fremde Welt: Angst vor Verstrunkung

Wir drängen uns in den Gang des überfüllten Eurocities, sehr geehrte Fahrgäste, der Zug verkehrt heute ohne Wagen 268. Klar, so direkt nach den Feiertagen, da kann man schon mal einen Waggon vergessen.
Du stehst dicht neben mir, notgedrungen, notgedrängt, mit deinem Fischgrätmantel und dem Karton unter dem Arm. Wir kommen unverfänglich ins Gespräch, ich kenne das Buch, das du liest. Dauernd will jemand zum Klo, vor dem wir stehen, lesen ist so zu mühsam, und so unterhalten wir uns. Du musst am Hauptbahnhof raus, eine Station vor mir. "Hey, verrat mir mal deine Adresse", sage ich, als du aussteigst, du schaust irritiert, "dann kann ich dir deinen Karton vorbeibringen." Der steht nämlich noch in der Mitte des Ganges. Du lachst, bedankst dich und schreibst mir tatsächlich noch deine Nummer auf die Hand, genau wie Marla.
So stelle ich mir das vor.
Aber während wir unser Gepäck und uns wie Tetrisklötze arrangieren, ja, genau, der Kinderwagen ist prima, um die Reihe zu beenden, stehst du plötzlich auf der anderen Seite und neben mir dieser junge Polizist, der abwechselnd Doom auf seinem Handy spielt und dann wieder in einer mysteriösen technischen Zeitschrift blättert, vielfarbige Kurven auf Hochglanzpapier und Abbildungen türkisfarbener Roboter, die Glasgefäße an ihren vielgelenkigen Armen tragen, vermutlich zur Niederschlagsbestimmung auf der Venus. Mit dem Klo im Waggon gegenüber scheint es Probleme zu geben. Die ersten vier Frauen, die das WC betreten, verlassen es gleich wieder rückwärts und mit erhobenen Händen, als hätte sie jemand mit einer Waffe bedroht. Erst die Fünfte hat offenbar ein richtig dringendes Bedürfnis. Sie bleibt für Stunden die Einzige, alle anderen schieben sich an mir vorbei auf das andere WC und drängen mich immer weiter in die Ecke, weg von dir. Und du? Schenkst mir nicht einen einzigen Blick. Ich kann den Titel deines Buches lesen. Mir fallen schlaue Bemerkungen ein, aber du übersiehst mich. Und tauschst stattdessen Blicke mit diesem Bullen in seiner blauen Colani-Uniform, der nicht mal in der Lage war, der alten Frau mit dem Schalenkoffer unaufgefordert zu helfen.
Schließlich Hauptbahnhof, du schiebst dich an mir vorbei, ohne mich anzusehen. Die Türen schließen selbsttätig, der Zug rollt an und an dir vorbei, ich sehe dich ein letztes Mal, und dann hebe ich meine Tasche von deinem Karton, der noch immer im Gang steht. Tja, Schlampe, wär besser für dich gewesen, du hättest mich beachtet.

29. Dezember 2006
fremde Welt: Schlüsselreize

„Hey komm, S.“, fällt sie mir entschlossen ins Wort und spricht mich auch noch mit Namen an, mitten im Gespräch, „das war doch der billigste Mädchentrick überhaupt, mit dem sie dich gekriegt hat. Genau wie diese Pullovernummer mit zu langen Ärmeln, in denen sie sich dann verkriechen, so kuck mal, wie klein und niedlich ich bin...“
„Moment, ich steh überhaupt nicht auf Mädchen...“, versuche ich mich zu wehren.
„... sondern auf Frauen, jaja, weiss ich doch, auf verrückte Frauen, aber auch wenn du denkst, du hast es durchschaut, funktioniert es trotzdem. Das ist genau wie bei mir und den Männern mit großen Autos.“

15. Dezember 2006
berlin: Klingelbeute

Münzklingel

10. Dezember 2006
giesskannen: RIP

R. I. P.

9. Dezember 2006
take-home-message: ...

"O. mangelte es jedoch an Vorstellungsvermögen. An eine Welt ohne Drachen glaubte sie nicht."

27. November 2006
take-home-message: sublimes Plakat der Citybank

"Leben, als ob es kein Morgen gäbe.
Sparen, als ob noch viele davon kämen."

17. November 2006
fremde Welt: "Eh kein ' Sinn"

Frauengeschichten? frage ich ihn. Wir haben uns monatelang nicht gesehen.
Er knurrt, macht eine wegwerfende Geste und stößt dabei an den Ikea-Tisch. Die leeren Bierdosen wackeln und tickern aneinander, aber keine fällt um.
Neenee, Frauen interessieren mich nicht, sagt er.

Zwölf Stunden früher: Ich sitze an der Bar, weil ich das Elend nicht mit ansehen kann. Wie er mit verwaschener Artikulation und ungetrübtem Selbstbewußtsein die Caipirinha-trinkende Frauenrunde vollquatscht. Ich habe das Bier gleich und mit einem deutlichen Trinkgeld bezahlt. Sicherlich werden wir auf das Wohlwollen der Tresenfrau später noch angewiesen sein. Sie weiß mein Schweigen zu schätzen und stellt mir eine große Schale Knabberzeug hin. Ich schaue ihr bei der Arbeit zu. Routiniertes Hantieren mit Gläsern und Flaschen. Beruhigend wie die Metamorphosen in einer Lavalampe. Die Ruhe vor dem Sturm. Es kann nicht mehr lange dauern, bis mich mein Kumpel gewaltsam vom Barhocker holen, zu seinen neuen Bekannten zerren und mich „vorstellen“ wird. Widerstand wäre zwecklos und würde alles nur noch schlimmer machen.

Ich gebe mir keine Mühe, das Schicksal aufzuhalten. Schließlich ein würdeloser Abgang. Ich schleife meinen Kumpel untergehakt durch die Tür, er reisst sich noch einmal los und ruft „Aber wenn, dann du! Du oder keine!“ und stochert dabei mit seinem Zeigefinger in der Luft, dann kann ich ihn wieder greifen und wir stolpern auf die Straße.

Kein Interesse an Frauen? Gestern wirkte das noch anders, sage ich.
Echt? Warum, was war denn los?
Er weiß es noch genau. Vielleicht nicht in allen Einzelheiten, aber das Wesentliche.
Und warum kein Interesse? frage ich stattdessen.
Weil es eh kein' Sinn hat. Außerdem hab ich die Schnauze voll... Und selbst?

16. November 2006
ost-west-begegnung: Brutalstmögliche Glaubensprüfung

Gemeinsam knieten wir auf der Auslegware in der etwas traumfängerlastigen Wohnung. Statt per christlicher Taufe sollte der Kleine mit einer buddhistischen Segnungszeremonie in die spirituelle Welt aufgenommen werden. Die zunächst zweifelnden Verwandten, die mit uns den Stäbchenrauch einatmeten, waren dann doch ganz angetan von diesem original asiatischen, dauerlächelnden Mönch in orangener Robe, der mit beneidenswerter Gelassenheit mit dem Quengeln und Quieken der Hauptperson umging. Spätestens im vietnamesischen Restaurant war das Eis dann gebrochen, und niemand war zu schüchtern, sein VHS-Englisch zu bemühen. Fragen nach den Geboten des Buddhismus wurden gestellt und beantwortet, nein, es gäbe keine Vorschriften, nur Werte wie Aufrichtigkeit, Demut, Ehrlichkeit, und schließlich kam eine Frage, die besser nicht gefallen oder zumindest besser unbeantwortet geblieben wäre, nämlich die Frage, wo der Dalai Lama denn wohnen würde bei seinen Deutschlandbesuchen.
„Oh he use to stay at friends, he often stay at Rollan Cocks house.“
Schweigen.
Denkpause.
Dann ungläubiges Schweigen.
Schließlich doch vorsichtiges Nachfragen:
„Äh you not mean ze politic Roland Koch?“ - „Yesyes, Rolland Cock, the prime minister of hesse! He is a good friend of the Dalai Lama.“
Roland Koch. Der brutalstmöglich aufrichtige, ehrliche, demütige Politiker. Der bei Sympathieumfragen immer knapp den ersten Platz verpasst, vor ihm nur noch der Dalai Lama.
Ich hörte es neben mir klirren, das musste das Weltbild der Mutter gewesen sein.

Aktuelle Beiträge

Vor dem Low Brain, 0.53...
"Schuldigung, habt ihr grad einen Typen rauskommen...
dialogannahme

dialogannahme
Luxus für die Ohren
Es ist Herbst 2009, es gibt immer noch Punkkonzerte...
dialogannahme
undergound
„We wanted to do Berlin underground, and it can't get...
dialogannahme

Suche

 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Post

dialogannahme [bei] googlemail [punkt] com

anstalt
berlin
denkblase
fremde Welt
giesskannen
hoeren
lesen
ost-west-begegnung
take-home-message
woanders
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren