20. November 2009
berlin: Zeitungskoberer

"Möchten sie eine... sie vielleicht... du, aber du, möchtest du eine Berliner Zeitung?!"
Danke.
"Kann ich dich noch was fragen, hast du Interesse an einem vierwöchigen Probeabo?"
Nein.
Pampig: "Du bist doch Student, oder!"
Nein...
Drohend: "Aber du gehst bestimmt gerne ins Kino..."
Nein!
"Aber... äh... du gehst doch gerne in' Puff, oder!? DU GEHST DOCH BESTIMMT GERNE IN' PUFF! DAT SEH ICH DOCH SO EINER BIST DU!"

19. November 2009
woanders: Luxus für die Ohren

Es ist Herbst 2009, es gibt immer noch Punkkonzerte gegen rechts oder für links, aber das Rauchverbot wird konsequent eingehalten. Selbst im „Backstage“-Bereich der alten Villa, wo die Mitglieder von Bierhass, Stoierfrei und zwei weiteren Bands über den GEMA-Formularen sitzen. Die Kreativität hält sich in Grenzen: Alle haben den Titel „Gema bierholn“ auf der Setlist und machen „Blasmusik“.
Die Bar im ehemaligen Kaminsaal listet immerhin zehn Cocktails auf. Nach Punkt eins, „Moisepisse“, hören wir auf zu lesen und verlangen Wodka pur. Drei Finger hoch im weißen Plastikbecher für einen Oiro Euro, faire Preise, aber wie soll da die Solikasse klimpern? Zumal das Rudel Nietenpunks, das die Eingangshalle belagert, sich an mitgebrachten Getränken labt. Unwahrscheinlich, dass sie es noch bis zur Bühne schaffen. Zwischendrin wuseln drei Hunde, „ey, benimmt dich, Whopper!“, weist die Punkerin den einen zurecht. Auf Nachfrage erfahren wir, wie die beiden anderen heißen: Rollmops und Fotze.
Die aktuelle Band rumpelt vor sich hin, wie die Bands davor klingt sie, als hätte sie sich vor drei Wochen gegründet, aber bei der ersten Band stimmte das wenigstens. Luxus für die Ohren, wir haben vorgesorgt.
Aus Langeweile setze ich mich an den verwaisten Kassentresen, kontrolliere Stempel und helfe dem schon wieder schwer angeschlagenen Begleiter, seine Email korrekt aufzuschreiben. Nicht für die Sängerin der Band, sondern für ihre ebenfalls anwesende Mutter. Es ist ja Herbst 2009.

16. Oktober 2009
anstalt: Alltagsfreuden

Während der auf die Präsentation folgenden Besprechung die ganze Zeit eine Szene ausgemalt:
"Tschuldingung, das ist mir zu viel heiße Luft."
Kurze Pause.
"Stört es jemanden, wenn ich den Beamer abschalte, die Lüftung zielt direkt auf mich."
Nächstes Mal werde ich mich neben den Beamer setzen.
Und bis dahin: Pokerface-Training.

10. Oktober 2009
berlin: undergound

„We wanted to do Berlin underground, and it can't get more underground, right?!“
Ich bin mir nicht so sicher, ob der holländische Oberstufenschüler da Recht hat. Ihr Reiseführer hat ihnen den Tipp gegeben. Jetzt ist ihr Reiseführer Sänger einer Band, die trotz beeindruckendem elektronischen Equipment (viele Drehregler und Knöpfe und Digitalanzeigen, alles blau beleuchtet!) einen Sound zaubert, als würde sie „Bloody Sunday“ covern.
Immerhin, alter Güterbahnhof. Weitläufiges Kellergewölbe. Die Bar aus der Inneneinrichtung eines klassischen Chinarestaurants improvisiert. Die Barfrau sieht aus wie ein Mitglied der Atlantischen Führungskaste aus einem 70er-Low-Budget-SF-Fantasy-Film, die verzweifelt gehen das atomare Wettrüsten gekämpft hat, zunächst als jüngstes Mitglied des Rates der Sieben Weisen Frauen, nach der Zerschlagung dieses Gremiums dann Fortsetzung des politischen Engagements im Untergrund, doch bekanntlich vergeblich, denn Atlantis wurde durch die auf eine unterseeische Wasserstoffbombenexplosion folgende Flutwelle zerstört. Da kauft man doch gerne ein Bier mehr.
Später dann das lange erwartete Highlight: Die aus MDF-Platten zusammengespaxte Brücke, die zum Eingangsbereich führt, bricht unter der Last der Gäste zusammen. Der Kollege und ich fahren mit der U-Bahn nach Hause. Mehr Untergrund geht nicht wirklich nicht.

14. September 2009
take-home-message: ...

"Männer müssen handeln und sich nicht dem Schmerz überlassen."
(Alles Gute zum Geburtstag.)

5. September 2009
berlin: F43.2

Innerhalb von zwei Tagen 500 Kilometer nördlicher und 2 Kilometer tiefer. Vor zwei Tagen trugen die Altersgenossen, die ich traf, schwere Stiefel und Kropfbänder, und ich bewunderte sie etwas und heimlich für ihre Ernsthaftigkeit. Jetzt bin ich wieder im Herzen der Gentrifizierung angekommen, die Danceperformance, Minikleidmädchen wälzen sich mit Eisblöcken zu repetetiver elektronischer Musik auf dem Boden, geht etwas an mir vorbei, meinem Begleiter geht es ebenso, und der war nicht weg: Das Publikum saugt den Großteil unserer Aufmerksamkeit ab. Prinz-Eisenherz-Haarhelme, güldene Handtaschen, gepflegte Schnurrbärte, angestrengte Individualität schreit nach Aufmerksamkeit, so kommt es mir vor. Ich erkenne Hakim, wie meist mit Aktentasche, heute aber zusätzlich mit frischem Schorf auf der Nase. Er stellt sich kurz meinem Begleiter vor, „meine Hobbies sind Politik, Medizin und Schlägereien“, und verschwindet wieder in der Menge. Nächstes Mal werde ich hier mit meiner neuen Wandernadel auflaufen, in Bronze, und die wird für ironisch gehalten werden und ich deshalb für cool, doch für heute reicht es mir, und ich gehe raus in die klare Luft und den Regen und bin etwas traurig, dass ich keine Stiefel mehr trage.

2. April 2009
take-home-message: ...

"Was Sie Liebe nennen, wurde von Leuten wie mir erfunden, um Unterwäsche zu verkaufen."
(Hierher, aber der hat sich das auch nicht selbst ausgedacht.)

30. März 2009
denkblase: Ich kenn den DJ

Die "Ich-steh-auf-der-Gästeliste"-Prozedur abwickeln, mit vollem Ernst, bei zwei Euro Eintritt, das fühlt sich an wie früher, beim Kaufmannsladen spielen.

24. Februar 2009
fremde Welt: ...

„Ich hab ja vier Jahre in der Gegend gewohnt, hat mir aber gar nicht gefallen“, sagt die unbekannte Tresenfliege.
Einzelplatz am Tresen.
Der Andere Kollege hat eine Frau mit prominenter Nase in ein Gespräch verwickelt.
Haarfarbe stimmt: Beuteschema passt.
Stör ich mal besser nicht.
„Ich hatte ja so viel in die Wohnung investiert, nur deshalb bin ich vier Jahre geblieben“, sagt die unbekannte Tresenfliege.
Das Gespräch endet, der Andere Kollege ist frustriert.
Die Bedienung kommt mit großen Augen aus dem Raucherzimmer.
„Ich habe in den vier Jahren mein Buch geschrieben“, sagt die unbekannte Tresenfliege.
Im Raucherzimmer sitzt ein Gast nur noch in Unterwäsche, berichtet die Bedienung.
Die ist Künstlerin, ergänzt die prominente Nase. Jedes deutsche Wort, das sie nicht kennt, schreibt sie mit Edding auf die Haut. Offenbar hat sie heute abend schon viel gelernt. Der Platz auf Beinen und Bauch wird knapp.
Der Andere Kollege geht mal die Aschenbecher leeren.
Flachmann, Feudel, Augenweide, gebe ich ihm mit auf den Weg.
„Ich habe ja Jazz-Gitarre studiert“, sagt die unbekannte Tresenfliege.

24. November 2008
fremde Welt: Samstag im Könich

Plötzlich, zwischen Kraftwerks Model und irgendwas, das dem Beat nach genau wie Witts Goldener Reiter klingt , zeigen viele Zeigefinger Richtung Panoramascheiben.
Es schneit, die Flocken fliegen fast waagerecht. Wie in einer Schneekugel.
Oder: „Wie im Schwarzwald.“
Ich bin froh, dass ich über dreißig bin und nicht den Drang verspüre, verwaschene Atari- oder Ladyfest-Spain-T-Shirts tragen zu müssen.
Ich bin froh, dass ich über dreißig bin und nicht den Drang verspüre, mir einen Unterlippenbart wachsen zu lassen.
Ich bin froh, dass ich über dreißig bin und nicht die letzten Jahre damit verbracht habe, meine Arme tackern zu lassen und meinen Bizeps aufzupumpen, leider unter sträflicher Vernachlässigung von Trizeps und Deltoideus, was schonmal scheiße aussieht, gekrönt noch durch deutliche Anzeichen der östrogenen Hopfenwirkung.
Der Kollege philosophiert über Galapagosfinken, schnorrt sich von unserer Begleiterin eine Kippe und schnippt sie beim Gestikulieren versehentlich auf den Stiefelschaft des Minirockmädchens vom Nachbartisch. Nach einigen Sekunden setzt sich doch das Über-Ich durch, und natürlich nimmt sie ihm die Erklärung, warum er da gerade an ihren Beinen zu tun hatte, nicht ab.
Wir gehen Richtung Tanzfläche.
Die Evolution hat nicht ahnen können, dass es mal Empfängnisverhütung gibt.
Aber das ist auch das Dilemma der meisten Typen hier, sagt der Kollege. Die strahlen nur Fickbereitschaft aus, aber keine Verantwortungsbereitschaft. Evolutionär ist das noch unbewusst verdrahtet und bestimmt das Selektionsverhalten, und darum kriegen die ganzen verzweifelten Galapagosfinken hier heute keine ab.
Wir wählen den tätowierten jungen Mann als Beobachtungsobjekt. Sein Coach trägt eine Schiebermütze und hat ihn eben nochmal daran erinnert, warum sie hier sind: Entweder du gräbst jetzt eine an oder wir gehen woanders hin.
Balztanz, Bar, Jägermeister.
Der Kollege wettet um ein Bier, dass innerhalb der nächsten zehn Minuten geknutscht wird.
Die Begleiterin hält. Die Körpersprache der Frau, zu abweisend, und die sehe auch nicht so verzweifelt aus, als ob sie sich nicht auch anders amüsieren könnte.
Die Schiebermütze hat unser Gespräch mitbekommen und grinst breit.
Klick. Das Elektrofeuerzeug unserer Begleiterin zündet nicht.
Klick.
Klick.
Ich weiß, was die dritte Fehlzündung bedeutet.
Unsere Begleiterin weiß es auch.
Nach drei Minuten ist das Gespräch beendet:
"Ich hab Dich als meinen Freund ausgegeben. Der Typ ist echt übel."
Zeit zu gehen.
Früher hätten wir jetzt zusammen Spinatspaghetti gekocht, aber heute geht jeder seinen Weg.
Und es fängt wieder an zu schneien.

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Temperatur: -9 C
Sichtweite: 10.0 km
Windstärke: 6 km/h

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